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Anpiken verboten

Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht und der Schwarze Freitag 1927: Warum Notenbanken eine Spekulationsblase an der Börse nicht bekämpfen sollten


Hätte Alan Greenspan das Platzen der Technologieblase Anfang des Jahrtausends verhindern können? Immerhin hatte der amerikanische Notenbank-Präsident den Anstieg der Aktienkurse bereits 1996 als »irrationalen Überschwang« bezeichnet. Seine wachsende Kritikerschar wirft ihm nun vor, er habe dem größten Aktiencrash seit den dreißiger Jahren des vorangegangenen Jahrhunderts untätig entgegengesehen.

Seit die Debatte um das »rechtzeitige Anpiken« geführt wird, entdecken Analysten und Ökonomen allerorten Blasen. An den Immobilienmärkten, an den Rentenmärkten oder an den Märkten für hochriskante Anleihen. Und immer wieder heißt es, die Notenbanken sollten etwas dagegen unternehmen. Dabei gerät fast in Vergessenheit, dass sie ihre eigentliche Aufgabe, die Inflation einzudämmen, so erfolgreich wie schon lange nicht erfüllen.

Zunächst klingt die Aufforderung plausibel, die Notenbanken sollten Vermögenspreisblasen verhindern, doch das ist schwierig und gefährlich zu gleich. Weder sind höhere Zinsen ein geeignetes Mittel dafür, einen Aktienboom einzudämmen, noch steht vor dem Platzen der Blase fest, dass es sich tatsächlich um eine solche handelt.

Die »Spekulationsblase« im Jahr 1927 war in Wahrheit keine

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Was Greenspan nach Meinung vieler Kritiker zwischen 1998 und 2000 hätte tun sollen, das tat die Reichsbank unter ihrem Präsidenten Hjalmar Schacht im Mai 1927. Nach einem enormen Boom der Aktienkurse sorgte die deutsche Zentralbank durch indirekten Druck auf die Banken für einen Mini-Crash – bekannt als Schwarzer Freitag. Doch die wirksame Intervention der Reichsbank entpuppte sich als schwerer Fehler. Was die Statistiker, Ökonomen und der Reichsbank-Präsident für eine Spekulationsblase hielten, war nur die Korrektur einer drastischen Unterbewertung. Deshalb hatte die Intervention verheerende realwirtschaftliche Folgen. Wer heute über die Notwendigkeit spricht, Zentralbanken sollten Spekulationsblasen verhindern oder wenigstens dämpfen, sollte die Geschichte kennen.

Wie konnte die deutsche Zentralbank 1927 so stark danebenliegen?

Schon kurz nach dem Ende der Hyperinflation 1923 zogen die Aktienkurse kräftig an. Eine große Hausse an den deutschen Wertpapierbörsen begann von Ende 1925 an. Zwischen Dezember 1925 und April 1927 – in nur 16 Monaten – stiegen die Kurse um 150 Prozent. Da die Dividenden in diesem Zeitraum nur um gut die Hälfte zugelegt hatten, kamen Beobachter schnell zu dem Schluss, die großen Kurssteigerungen seien vor allem durch Spekulationen entstanden.

Bei der Reichsbank begannen die Alarmglocken zu schrillen. Statistiker verglichen die relative Bewertung von Aktien und Anleihen vor und nach dem Ersten Weltkrieg. 1913 lag die Dividendenrendite um knapp 0,5 Prozentpunkte unter dem Zinssatz langfristiger Anleihen; 1927 jedoch betrug der Unterschied mehr als 3,5 Prozentpunkte. Nur die Erwartung von weiteren Kurssteigerungen, so Schacht in seinem Vortrag vor dem Reichskabinett am 7. März 1927, könne hinter der hohen Bewertung stecken. Genau so definierte der MIT-Ökonom Charles Kindleberger eine Blase – Anleger kaufen nicht in der Erwartung künftiger Rendite, sondern weil sie davon ausgehen, dass sie sie morgen an andere Investoren mit Gewinn weiterverkaufen können.

Hinzu kamen andere Sorgen. Schacht – von vielen Deutschen als »Retter der Mark« gefeiert – fürchtete, dass der Börsenboom ausländische Investoren anlocken könnte, deren Geld in Krisenmomenten schnell wieder abgezogen würde.

Darüber hinaus passte das Bild deutscher Prosperität, das die Hausse vermittelte, nicht zu den außenpolitischen Zielen vieler rechter Politiker. Deutschland hatte sich im Rahmen des Dawes-Plans – im Gegenzug für eine große, im Ausland emittierte Anleihe – zu regelmäßigen Reparationszahlungen verpflichtet. Man werde nicht über eine Herabsetzung der Zahlungen verhandeln können, solange die »Chimäre des Wohlstands« an den Aktienbörsen existiere, so Schacht. In einer Rede in Stralsund, kurz nach dem Crash, wurde Schacht deutlicher. Das an der Börse verdiente Geld werde nicht investiert, sondern in Wirtshäusern und Bars verjubelt und für den Import ausländischer Luxus-Pkw verwandt. Für ein verarmtes Land wie Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg sei dies unerträglich.

Um der Spekulation ein Ende zu bereiten, lud die Reichsbank am 12. Mai 1927 Direktoren der Berliner Kreditbanken zu einer Besprechung ein. Die Kreditvergabe an Wertpapierinvestoren sei drastisch zu reduzieren, so die deutsche Notenbank. Andernfalls werde in Zukunft der Zugang zum Rediskont-»Fenster« der Reichsbank verweigert. Für die Banken war dies eine tödliche Bedrohung. Ohne die Möglichkeit, Wechsel zu diskontieren, also der Zentralbank gegen eine Gebühr zu verkaufen, drohten sie illiquid zu werden. Die Kreditbanken gaben deshalb schon am gleichen Tag eine Kommuniqué heraus, in dem sie die Verringerung der Wertpapierkredite um ein Viertel bis Anfang Juli ankündigten.

Was am nächsten Morgen passierte, war für die meisten sachkundigen Beobachter keine Überraschung mehr. Am Freitag, dem 13. Mai 1927, fielen die Kurse auf breiter Front. Für viele Papiere konnten zuerst keine Kurse festgestellt werden, da nur Verkaufsorder vorlagen. Bei Tagesende zeigte der Index ein Minus von elf Prozent. Die Schärfe des Einbruchs ist in etwa mit dem Kurssturz am Schwarzen Dienstag an der Wall Street zwei Jahre später vergleichbar.

Fallende Börsenkurse ließen die Investitionen sinken

Der Eingriff der Reichsbank hatte realwirtschaftliche Folgen. Die Weltwirtschaftskrise begann in Deutschland deutlich früher als in anderen Ländern. Und während beispielsweise in den USA der Einbruch des Konsums erheblich zum Rückgang der Wirtschaftsleistung beitrug, waren es in Deutschland die sinkenden Investitionen von 1928 an, die den Weg in die Krise bereiteten. Der Berliner Korrespondent der Associate Press berichtete, dass führende Manager negative Auswirkungen für das industrial life of the country befürchteten. Neuemissionen von Aktien seien nun fast unmöglich, und so könne die Industrie ihre Eigenkapitalbasis nicht stärken. Dies war umso bedrohlicher, als Emissionen neuer Aktien im Boomjahr 1926 noch gut ein Drittel der Nettoinvestitionen finanziert hatten. Entweder mussten Investitionen ganz ausbleiben – oder sie wurden durch Kredite finanziert, die dann von 1929 an zum Mühlstein um den Hals der Unternehmen wurden. Hinzu kommt, dass der Absturz der Kurse von vielen Beobachtern als Krisenzeichen für die Wirtschaft insgesamt gedeutet wurde und indirekt zur Abkühlung des Konjunkturklimas beitrug.

Dadurch wird zunächst verständlich, warum die Investitionen nach dem Kurssturz an der Börse so stark zurückgingen. Es erklärt im zweiten Schritt auch, warum die deutsche Wirtschaft in die Krise nach 1929 mit einer sehr schwachen Eigenkapitalausstattung ging. Die Weltwirtschaftskrise wäre so oder so gekommen. Aber der Eingriff in den Aktienmarkt durch die Reichsbank sorgte dafür, dass die Krise deutsche Unternehmen in einem bereits deutlich geschwächten Zustand traf.

Vieles spricht dafür, dass die Reichsbank eine Blase anpikte, die keine war. Zwar schnellten die Kurse 1926/27 enorm in die Höhe, und die gleichzeitig gestiegenen Divenden können den Aufschwung nur zu einem kleinen Teil erklären. Doch in den Jahren zuvor waren die Aktiengesellschaften spottbillig. Während der Hyperinflation im Jahr 1922 beispielsweise kostete die Daimler-Benz AG genauso viel wie der Gegenwert von 327 ihrer Autos. Die extrem niedrige Bewertung hatte mehrere Ursachen: Erstens ist Inflation fast immer Gift für die Börse. Zweitens sind Aktien meist wenig wert, wenn die politische Stabilität bedroht ist. Deutschland zwischen 1919 und 1923 erlebte den Einmarsch ehemaliger Kriegsgegner, kommunistische Umsturzversuche und Putsche von rechts.

Dank der Stabilisierung der Mark und des Zustroms ausländischer Kredite nach 1924 belebte sich die Konjunktur, das Wachstum zog an. Beobachter wie der US-Ökonom James Angell beschrieben den Aufschwung nach 1923 als »spektakulärste Erholung in der Wirtschaftsgeschichte der Welt«. Aktionäre hatten also gute Gründe, zu kaufen. Und die Unternehmen enttäuschten nicht: Zwischen dem Schwarzen Freitag und dem Beginn der Weltwirtschaftskrise 1930 stiegen die Dividenden jährlich um 6,3 Prozent, schneller noch als zu Kaisers Zeiten.

Der Fehlgriff des Jahres 1927 zeigt, dass auch die besten verfügbaren statistischen und ökonomischen Analysen massiv danebenliegen können – mit brisanten Folgen für Wachstum und Beschäftigung.

Hans-Joachim Voth ist Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Stern Business School und an der Universität von Barcelona

(c) DIE ZEIT 25.05.2005 Nr.22

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